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„Mangi fi rek“ – Ich bin ganz hier!

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Menschenrechts - Projekt im Senegal von Marie-Christine Teichmann

Ich saß gespannt wie ein Flitzebogen im Flugzeug Richtung Dakar. Zuvor hatte ich mich kaum über die dortigen Verhältnisse informiert, weil ich mich überraschen lassen wollte. Dies ist mir dann auch ordentlich geglückt. Auf der netten Autofahrt vom Flughafen nach St. Louis fielen mir fast die Augen aus dem Kopf: Der sandige Straßenrand gesäumt von Afrikanern, die in wundervoll bunte Stoffe gekleidet auf dem Boden sitzen und farbige Körbe, Schmuck und Stoffe verkaufen oder zwischen (unübertrieben) tausenden Mangos sitzen und dem Auto hinterherrufen. Auf den orangenen Sandwegen brüllende Ziegen, geschmückte Pferde, Karren hinter sich herziehend, mit Leuten oder Waren darauf und überall kunstvoll bemalte Autos und Busse, die bei uns haushoch durch den TÜV fliegen würden.

Bei meiner Gastfamilie in St. Louis angekommen, überreichte ich meine Milka-Pralinen und Haribo-Gummibärchen. Für beides hatte ich mich etwas geschämt, weil ich dachte, das sei doch bestimmt nichts Besonderes, aber da hatte ich mich gründlich getäuscht: Die senegalesischen Süßigkeiten schmeckten meiner Meinung nach größtenteils nicht so toll, und alle importierten Süßigkeiten waren sündhaft teuer.

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So wie alles im Senegal anders war, als ich es kannte, war auch das Essen: Die ganze Familie saß auf dem Boden um eine große Schüssel und schaufelt entweder nach afrikanischer Manier mit den Händen oder so wie ich und die andere Freiwillige, die sich mit mir das Zimmer teilte, mit einem Löffel Reis und Fisch in den Mund. Die Familienangehörigen pflückten uns den Fisch von den Gräten und warfen ihn in unser Esseckchen – anfangs ungewohnt (was machst du mit deiner Hand in meinem Essen!?), bald wusste ich dies aber doch zu schätzen, weil es sehr schwer ist, nur mit einem Löffel ausgerüstet, einen Fisch von seinen vielen Gräten zu befreien.

Mitten in der Nacht hörte ich laut den Imam, den muslimischen Vorbeter, aus den überall verteilten Lautsprechern schallen und die Kinder lärmen, die eh machen konnten, was sie wollten. Auch Erziehung funktioniert hier völlig anders. Die Senegalesen, die ich traf, waren sehr gläubig, der Islam spielte eine große Rolle in allem, was sie taten. Die tiefe Religiosität spiegelte sich auch in ihrer Sprache Wolof wider: So sagt man als Begrüßung „Salamaleikum“ (Friede sei mit dir) und anstelle von „mir geht’s gut“, sagt man „mangi fi rek“, (Ich bin ganz hier). Die Bindung zu Angehörigen und Freunden war viel enger, als ich es gewohnt war, und die meisten schienen ihr Leben lang mit der Familie zusammen zu leben.

Wir Freiwilligen schlossen das Projects Abroad Team in St. Louis sofort ins Herz. Sie waren immer für uns da und organisierten zahlreiche Treffen und Ausflüge. Es gab jede Woche tolle Konzerte und sogar ein großes Jazzfestival, zu dem viele ausländische Touristen kamen. Musikalisch gesehen war es so auch eine tolle Reise: In dem Schmuckgeschäft von meiner Gastmutter habe ich sogar Djembe gelernt, eine afrikanische Trommel.

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Ich arbeitete in dem neu gegründeten Menschenrechtsbüro zusammen mit einem senegalesischen Juristen Anfang dreißig, der wirklich fit in seinem Fach war. Wir begannen unsere Arbeit mit der Gestaltung und Verteilung von Flyern und Plakaten und besuchten Grundschulen und weiterführende Schulen, um den jeweiligen Schulleitern unser Büro vorzustellen. Wir gründeten Menschenrechts-Clubs an Schulen: AGs, in denen wir die Schüler einmal die Woche zum Thema Menschenrechte unterrichteten. Der Schwerpunkt lag hier auf den Kinderrechten. Außerdem luden wir drei Mal wöchentlich Jugendliche und getrennt davon Erwachsene zu uns ins Büro ein und bildeten sie zu „relais des droits humains“ aus, zu Leuten, die sich im senegalesischen Recht und den Menschenrechten besser auskennen als ihr Umfeld, und so dann von anderen um Rat und Auskunft gefragt werden können.

Dieser Teil unserer Arbeit erschien mir sehr wichtig. Da große Teile der Bevölkerung Analphabeten ohne Schulbildung sind, kennen die meisten Senegalesen ihre Rechte nicht und können sich nicht auf sie berufen, wenn sie von ihrem Arbeitgeber ausgebeutet oder verfassungswidrig behandelt werden. Solche Verstöße gegen das Arbeitsrecht bildeten einen der großen Fälle, die wir während meines Aufenthalts bearbeiteten. Die Arbeiter, die zu Beginn dieses Falles zu uns ins Büro kamen, waren sehr mutig, denn im Senegal gibt es keine Rechtskultur. Das heißt, es ist einerseits keineswegs üblich, zu einem Anwalt zu gehen, wenn die eigenen Rechte verletzt werden, und zum anderen kann man dann leicht schief angeschaut werden.

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Wir sind also jedem Fall nachgegangen, der an uns herangetragen wurde, und gaben unser Bestes, uns für die Menschenrechte einzusetzen. Konkret hieß das, wir haben alle Leute abgeklappert, die in den Fall verwickelt waren bzw. sein könnten. Leider mussten wir oft vergeblich auf unsere Treffen warten, wenn wir überhaupt ein Treffen vereinbaren konnten. Die Gespräche am Gericht, auf dem Bürgermeisteramt oder in Unternehmen und anderen Institutionen waren dann meist sehr angespannt und emotional. Die Menschen hatten Angst vor dem Gesetz, vielleicht, weil sie von den Bedingungen im Gefängnis gehört hatten. Eine große Schwierigkeit unserer Arbeit bestand darin, die Wahrheit, die unleugbaren Fakten herauszufinden. Egal, wie hoch die Position, fast alle haben versucht, sich mit Lügen herauszureden, die aufzudecken seine Zeit brauchte.

Meine wichtigste Aufgabe in der Menschenrechtsarbeit war es, einen Bericht über ein von mir gewähltes lokales Thema zu verfassen. Ich schrieb über die Straßenkinder, die im Senegal nicht einfach nur Straßenkinder, sondern meistens „daara“-Schüler sind. Daaras sind Koranschulen, geleitet von einem „Marabout“, einem religiösen Lehrer, der den Kindern beibringt, den Koran auswendig auf Arabisch zu rezitieren und seine Bedeutung zu verstehen. In den traditionellen Koranschulen leben die Kinder auch dort. Weil der Koranlehrer aber nicht genug Geld hat, gibt es oft keine Sanitäranlagen und die Kinder müssen auf dem nackten Boden schlafen und den ganzen Tag auf der Straße verbringen, um sich Geld und Essen zu erbetteln.

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Der Koranunterricht findet spät abends statt. Ist der Koran dann ganz auswendig gelernt, sind es keine kleinen Rabauken mehr, die in Scharen und unter Gelächter die Straßen erobern, sondern zwanzigjährige junge Erwachsene, die außer dem Koran nichts lesen und schreiben können. Mein mit zahlreichen Gesetzestexten unterstützter französischer Bericht ging mit den Berichten von den anderen freiwilligen Menschenrechtsaktivisten an die senegalesische Regierung und bildete so einen kleinen Teil vom großen Ganzen des Kampfes um die Chance auf ein menschenwürdiges Leben für alle Erdenbürger.

Diese tolle Reise hat mich nicht nur in höchstem Maße intellektuell und emotional weitergebildet, sondern nahm mir auch jegliche Angst vor dem Ausland, sodass ich heute in den Niederlanden „European Studies“ studiere und vorhabe auch beruflich noch viel von der Welt zu sehen.

Marie-Christine Teichmann

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