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"Zwischen Monsun, Tempelelefanten und schwarzen Schnurrbärten"



Journalismus in Indien von Nina Molter

"Das Leben ist wie ein Buch. Wer nicht reist, sieht nur eine Seite davon" - wer irgendwann einmal eine weitere Reise unternommen, über eigene Horizonte hinaus geschaut und neue Kulturen kennen gelernt hat, der wird diesem Satz zweifellos zustimmen. So stand auch für mich außer Frage, dass es nach meinem Abitur ins Ausland gehen sollte, einziges Ziel: So weit weg wie möglich.

Indien, das Land der Sadhus, Tempel und heiligen Kühe übt auf so manchen Europäer eine ganz besondere Anziehungskraft aus, gerade da es wie kein anderes Tradition und Moderne verbindet, und so wurde auch ich in seinen Bann gezogen. Mein Reiseland stand somit fest, und schnell war auch der Plan gefasst, meinen dreimonatigen Indienaufenthalt mit einem zweimonatigen Journalismuspraktikum zu verbinden.

Mit zahlreichen Erwartungen, Hoffnungen, vielleicht ein wenig Angst, aber vor allem Neugierde lande ich am Flughafen Trivandrum, und der erste Schritt aus dem Flugzeug und hinein in meine neue Heimat auf Zeit war wie das Eintauchen in eine andere Welt. Obwohl ich mich während des langen Fluges nach einem Bett gesehnt hatte, war meine Müdigkeit wie weggeblasen, als ich, noch ein wenig benommen von der drückenden Hitze, in einem Meer aus schwarzen Schnurrbärten und bunten Saris einen lächelnden Inder mit einem Projects-Abroad-Schild entdecke. Pandi begrüßt mich herzlich, und die anschließende, sechsstündige Taxifahrt zu meiner Unterkunft erlebe ich wie im Rausch, Indien im Schnelldurchlauf. Ich sehe meine ersten Tempel, Rikschas, Bananenpalmen, heiligen Kühe, trinke mein erstes Glas süßen Chai-Tee und esse mein erstes Dosa Masala, natürlich nur mit der "sauberen" rechten Hand, während ich Pandis Erklärungen lausche.

Und ohne, dass ich es tatsächlich bemerke, war ich bereits seit einem Monat in Indien. Was mich anfangs noch zum Staunen brachte, ist inzwischen zur Selbstverständlichkeit und das Büro der Sivakasi Times zu meinem zweiten Zuhause geworden. Die Sivakasi Times ist ein unabhängiges, monatlich erscheinendes Magazin, das ausschließlich von Freiwilligen aus aller Welt mit Inhalten gefüllt wird und sich mit Ereignissen in und um die Stadt Sivakasi beschäftigt. Während meiner Zeit bei der Zeitung lerne ich, eigenständig Interviews zu führen, schreibe Artikel, fotografiere und beteilige mich am Design. Durch zahlreiche Interviewtermine treffe ich auf verschiedenste spannende Persönlichkeiten, darunter S.M.A. Jinnah, Gründer und Leiter einer Blindenschule und Grace Wardell, eine pensionierte, einhunderteinjährige britische Journalistin, die sich in Indien niedergelassen hat. Ich besuche das farbenfrohe Chithirai Festival in Madurai, eine Tanzschule, eine traditionelle Hindu-Hochzeitszeremonie, sowie Nanban und Vidiyal, zwei Straßenkinderprojekte mit unterschiedlicher Philosophie aber einem großen gemeinsamen Ziel. Auch auf Verstärkung im Büro muss ich nicht lange warten, kurz nach mir treffen zwei Freiwillige aus Zypern und England ein, und schon innerhalb kürzester Zeit ist aus drei völlig unterschiedlichen Individuen ein gut funktionierendes Team geworden. Wir teilen die ab und an immer noch auftauchenden Kulturschocks, den Muskelkater nach zahlreichen abendlichen Yogastunden und die Erfahrung unterschiedlichster Interviewtermine und Wochenendausflüge. Da wir alle zusammen im Projects Abroad- Gebäude untergebracht sind, lerne ich neben meinen Journalismuskolleginnen auch zahlreiche Freiwillige kennen, die in anderen Projekten arbeiten.

Gewissenhaft erkunden wir gemeinsam jede Stadt und Sehenswürdigkeit, die der Süden Indiens zu bieten hat, und staunen über die Pünktlichkeit und Zielgenauigkeit der öffentlichen Verkehrsmittel, denn hinter diesem unüberschaubaren Chaos und dem Gewirr aus vollgestopften Zügen und Bussen scheint ein ausgeklügeltes System zu stecken. Schnell haben wir durchblickt, wie man sich in Indien fortbewegt, auf den unebenen, Schlaglöcher übersäten Straßen wird die Busfahrt schnell zu einem kleinen Abenteuer, und nach einem gemütlichen Nickerchen auf der Gepäckablage eines Übernachtzuges wundere ich mich über die ungeheuere Platzverschwendung bei der Deutschen Bahn. Auch das Klischee der traumhaften Sonnenuntergänge und idyllischen Landschaften auf einer Zugreise wird in jeder Hinsicht erfüllt, und wenn gegen Abend alle Reisenden ihr mitgebrachtes Picknick auspacken, wird es richtig gemütlich.

Dann vergeht die Zeit plötzlich ungebeten schneller als erwartet, obwohl man eigentlich den Eindruck gewinnt, dass in Indien die Uhren etwas langsamer ticken und jeder ein bisschen mehr Zeit für die kleinen Dinge im Leben hat. Nach der interessanten und erfahrungsreichen Zeit bei der Sivakasi Times breche ich zu meiner dreiwöchigen Reise quer durch den Süden Indiens auf, um meine inzwischen verbesserten einhändigen Essfähigkeiten und anderes Erlerntes auf seine Alltagsfähigkeit zu testen. Und ich muss erkennen, dass es einige Dinge gibt, an die ich mich noch immer nicht gewöhnt habe, dass mich fünfundvierzig Grad Außentemperatur noch immer unkontrolliert viel schwitzen lassen, dass sich die Moskitos nach zweieinhalb Monaten an mir noch immer nicht satt gefressen haben und dass, obwohl ich die Offenheit der Inder sehr schätze, die neugierigen Blicke oft ermüdend sind.

Auf meiner Reise lerne ich, dass auch ein Blick unter die Oberfläche Indiens lohnt, dass es eben nicht überall exotisch nach Jasmin duftet und dass auch nicht jeder Inder fröhlich lächelt und innere Zufriedenheit ausstrahlt.

Ich habe die Teeplantagen von Ooty besucht, den Maharajapalast von Mysore, den Hare Krishna Tempel in Bangalore, die Strände von Goa, die verfallenen Tempel von Hampi, das luxuriöse Taj-Hotel in Mumbai gesehen und bin über die weitläufigen Slums geflogen, habe am Strand von Chennai gesessen und den Meenakshi-Tempel in Madurai aufgesucht und dabei die verschiedensten Menschen kennen lernen und Eindrücke sammeln dürfen. Sowohl meine erfahrungsreiche Zeit bei der Sivakasi Times als auch die Rundreise danach haben mich nachhaltig geprägt und fasziniert. Indien ist nicht immer etwas für schwache Nerven, Indien riecht, schmeckt und denkt anders, es ist lauter, farbenfroher und neugieriger als alles was ich bisher erlebt habe. Indien hat mich gelehrt, dass man niemals alleine ist und noch viel wichtiger: Es gibt immer einen Plan B!

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