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Meine Zeit auf Jamaika auf der May Day High School

Musik-Unterrichten auf Jamaika von Helena Kunkel

Hey!

Musik-Projekt auf Jamaika, Projects Abroad

Ich bin Helena, war für drei Monate mit Projects Abroad in Mandeville, Jamaika, habe dort in einer Schule Musik unterrichtet und wollte eigentlich nie wieder von dort weg und zurück nach Hause.

Wenn du das hier also aus Interesse am Projekt liest – mach dass du hinkommst und möglichst lange bleiben kannst!

Nur eins, bevor ich wirklich anfange: Wenn du anfängst, dies zu lesen, dann lese es auch zu Ende. Wirklich, hör nicht auf, wenn es sich irgendwo schlecht anhört. Denk dran, es gibt zu allem immer auch was Schlechteres und ich schreibe das hier auch rein, damit du weißt was es ist und du dich drauf einstellen kannst. Dann ist es leichter. Du liest den Bericht, um ein besseres Bild zu bekommen, hoffe ich. Und sei ehrlich: Wer will schon seitenweises Schwärmen von Karibikstränden und von unrealistischen Schulklassen lesen? Komm schon, nee.

Also gut, darf ich vorstellen? May Day High School mit all ihren netten Lehrern und dem für Musik-Freiwillige wohl Wichtigsten unter ihnen, Mr. Bulgin, der Musiklehrer der May Day High und gleichzeitig mein Betreuer, mit dem ich zusammen unterrichtet habe.

Allerdings habe ich nicht sofort nach meiner Ankunft mit dem Unterrichten angefangen. Die erste Woche bestand eher aus Beobachten der Unterrichtsstunden, um den Schulalltag, dort gängige Routinen, Lehrmethoden und generell das Schulklima besser kennen zu lernen. Und glaube mir, dass war nötig. Sehr. Nie im Leben hätte ich gedacht dass es so viele Unterschiede zwischen deutschen und jamaikanischen Schulen geben könnte.

Nur um ein paar zu nennen: Die einzelnen Klassen bestehen aus bis zu 50 (!!!) Schülern und wie in den meisten Schulen werden Uniformen getragen. Die Schüler bilden dabei zwei Extreme. Da sind die netten, freundlichen, nichts zu wünschen übrig lassenden Schüler, die auch nach der Stunde noch da bleiben, mit dir reden, mal eben eine kurze Jam Session halten (oh, das? Joa, nichts Besonderes, passiert jeden Tag) und auch im Unterricht gut mitmachen. Tja, leider schlägt das Karma zurück und Hand in Hand kommt die zweite Sorte Schüler: laut, unterrichtsstörend, respektlos und einfach echt unmöglich.

Musik-Projekt auf Jamaika, Projects Abroad

Ich glaube, man idealisiert sich so ein Projekt oder Aufenthalt immer und erwartet, dass alles daran so perfekt und schön ist. Das habe ich auch. Eigentlich ist es ja aber auch absehbar, dass es manchmal auch nicht so ist.

Bereit? Da ist sie, die nackte Wahrheit:

Jamaikanische Lehrer haben definitiv nicht so viel zu lachen wie Lehrer hier, wenn es ans Unterrichten geht. Weil die Schüler so verdammt frech und laut sind und dich permanent herausfordern. Ich behaupte nicht, dass sie schlechte Menschen sind, definitiv nicht, aber so war es bei mir.

Jetzt sitzt du wahrscheinlich da und denkst: Oh je bitte, was geht da in diesen Schulen ab? Aber glaube mir, ich habe die Schule dort ABSOLUT NICHT gehasst. Klar war nicht immer alles einfach, aber im Ernst? Ich habe es geliebt. GELIEBT. Ich bin so froh , dass ich mich bemühen musste, jeden Tag neue Herausforderungen zu meistern und die Möglichkeit dabei hatte, Neues zu erlernen, neue Aufgaben zu haben und mich in Situationen beweisen konnte, in denen ich vorher nie war. Echt, ich würde es immer wieder wollen. Und wieder und wieder und wieder.
Und ich habe ja schon gesagt, dass ich nach meiner Beobachtungszeit viel besser Bescheid wusste und es nicht lange dauerte, bis ich auch recht erfolgreich unterrichtet habe. Schau, hier sind ein paar hoffentlich hilfreiche Dinge, die ich beim Beobachten oder auch später bemerkt habe:

Teaching Tipps & Tricks – Erfolgreich sein in May Day High

1) Sei streng, lass ihnen nichts durchgehen und bleib konsequent.

Zumindest während des Unterrichtens. Zwischendrin? Absolut kein Problem, sei ganz du selbst. Am Anfang werden sie deine Grenzen testen, da kann man sich drauf verlassen, aber mit der Zeit flacht auch das wieder auf ein Minimum.

2) Lerne den Lärm auszuhalten und wenn möglich, auszublenden.

Du denkst du weißt, was eine laute Klasse ist? Nee sorry, dass tust du nicht. Ein Insider unter uns Freiwilligen hieß: „Jamaican Quiet“. Was das ist? Eine ruhige, jamaikanische Klasse, die dann aber immer noch lauter ist, als alles was man je zuhause in der Schule erlebt hat. Im Ernst, stelle dir eine laute Klasse vor. Hast du es? Ja ok, das deckt sich jetzt wahrscheinlich am ehesten mit dem Jamaican Quiet. Und trotzdem, selbst das gehört mittlerweile zu den Dingen, die ich vermisse.

3) Verlier ihr Interesse und du kannst einpacken, Game Over.

Musik-Projekt auf Jamaika, Projects Abroad

Zu jeder Zeit kämpfst du praktisch für zwei Dinge: 1. Das „Jamaican Quiet“ aufrecht zu halten, und 2. alles interessant genug zu gestalten, sodass sie dir zuhören wollen. Sobald sie nicht mehr sonderlich motiviert sind, dir zuzuhören und mitzumachen, zeigen sie das auch ganz offen und es ist echt verdammt schwer sie davon wieder zurückzuholen, glaube mir. Das Ganze bringt dafür aber auch eine wundervolle zweite Eigenart der Schüler mit sich: Wenn du alles interessant gestaltest und in deiner Stunde viel Interaktion mit ihnen hast, läuft das Ganze einfach perfekt. Sie haben dann echt Spaß daran deine Fragen zu beantworten. Ich habe vorher nie solche positiven Reaktionen in Schulstunden erlebt! Womit ich beim nächsten Punkt bin:

4) Wenn sie deine Stunde mögen, ist es so viel schöner eine jamaikanische Klasse zu unterrichten, als zum Beispiel eine deutsche, mein Ernst!

Jamaikaner sind sehr offen und leidenschaftlich, in allem was sie tun, was Unterrichten um einiges leichter macht, wenn man es zu nutzen weiß. Da ist so viel, was sie so begeistert und womit du ihre Aufmerksamkeit sichern kannst, das meines Erachtens niemals in einer deutschen Klasse funktionieren würde. Beispiel? Rufe „Got it?“ oder ähnliches nach einer Erklärung und du kriegst ein lautes, enthusiastisches „YES MISS!“ zurück.

5) Mit Musik als Fach hat man echt schon halb gewonnen

Musik spielt eine so große Rolle im Leben und der Identität der Jamaikaner. Was kannst du da also alles rausholen, wenn du sie da sitzen hast, ihnen Lieder und Noten gibst (die sie auch meistens kennen) und zu ihnen sagst: singt? Vielleicht kann ich das so am besten ausdrücken:

Wenn ein Musiklehrer in einer durchschnittlichen deutschen Schule die Klasse beim Singen unterbricht, sagt er: „Ok nein stopp, nochmal von vorne, und jetzt sing ich mit euch, ich hör ja gar niemanden so!“ Wenn man in Jamaika eine singende Klasse unterbricht, heißt es: „Nein, nein! Stop bitte, ein bisschen leiser, LEISER, die schreiben da hinten eine Klausur!!“ ...da hinten, auf der anderen Seite des Schulgeländes.

Oh ja.

Stell dir das mal vor, so cool echt. Es war so frei, ich wollte sie nie abbrechen! Generell kann man so viele theoretische Dinge näher bringen, indem man sie nachklatschen oder was singen lässt, mit dem Ergebnis, dass sie es fast sofort alle verstanden haben, einfach weil es ihnen Spaß gemacht hat, es zu verstehen. Du sehnst dich nach einer Klasse, die in Musikstunden mit Feuereifer dabei ist? Wo jeder mitarbeitet und mitsingt und es sich sogar richtig krass gut anhört, weil jeder Jamaikaner singen kann wie ein Superstar? Wirklich, am Anfang konnte ich das auch gar nicht fassen, aber es stimmt. Geh nach Jamaika, und du findest ein Gesangstalent in jedem Klassenzimmer.

6) Namen haben Macht.

Musik-Projekt auf Jamaika, Projects Abroad

Das hat sich öfter als wahr erwiesen, als ich zählen konnte. Es ist unmöglich so schnell die Namen all deiner, vielleicht 250 Schüler zu kennen, aber versuch auf jeden Fall, die der Vorlautesten und Frechsten in jeder Klasse zu wissen. Ein Wunder, wie sehr sie sich plötzlich benehmen können, wenn sie dir gegenüber nicht mehr praktisch anonym sind.

7) Bring die Klasse auf deine Seite und gib ihnen Aufgaben.

Beauftrage einfach einzelne Schüler doch selbst dafür zu sorgen, dass ihre Freunde um sie rum leise sind, anstatt ihnen zu erlauben sich wegzusetzen, wenn sie das fragen. Gib ihnen Verantwortung. Das funktioniert so gut.

8) Und sollte einmal absolut gar nichts klappen – es gibt immer noch ein Wundermittel, auf das man sich immer verlassen kann: Videoclips!

Ich merke gerade dass, ich die wichtigste Frage eigentlich immer noch nicht beantwortet habe. Was genau war denn letzten Endes meine Aufgabe?

Ich hatte nach einer kurzen Beobachtungs-/Orientierungsphase alle vier „First Form- Klassen“ übernommen. Jede Klasse hatte jeweils zwei Stunden in der Woche Musik. Mr. Bulgin hat genau soweit geholfen, wie ich es wollte, mir einen groben Unterrichtsplan gezeigt, von dem ich den Stoff behandeln sollte, das Wann, Was und Wie aber komplett mir überlassen. Er hat die Stunde nur unterbrochen, wenn er sah, ich könnte (und will) seine Hilfe gebrauchen, um die Klasse wieder etwas zu beruhigen. Und hey, Kompliment an ihn, er erkennt wirklich genau, ob du Hilfe willst/brauchst oder ob du etwas alleine bewältigen kannst oder es zumindest versuchen willst- die perfekte Zusammenarbeit, echt.

Neben den First Formers hatte ich selbst noch die Klassen der 4. Stufe in Klavier und Gesang unterrichtet. Im Äquivalent zu unserer Oberstufe können sich die Schüler auch hier Schwerpunkte wählen. Die Schüler mit Musikschwerpunkt hatten also auch zusätzlichen praktischen Unterricht neben der Theorie, während Mr. Bulgin weiterhin die Schlagzeug-, Gitarre - und Bass- Schüler abgedeckt hat.

Ansonsten habe ich in den übrigen Stunden sozusagen assistiert, Tests korrigiert, Noten ausgerechnet, meine Stunden vorbereitet oder mit den anderen Lehrern (ich kann hier Mr. Lili als den perfekten Diskussionspartner zu fast allem in morgendlichen Lehrerzimmerchats nur empfehlen!), Schülern oder Freiwilligen gequatscht, selbst Instrumente gespielt und neue hinzu gelernt. Irgendwie gehört das wirklich alles zusammen. Ich kann diese friedlichen und lustigen Momente zwischen den Stunden (wenn du mal dort bist, weißt du genau was ich meine) nicht von allem anderen wegreißen.

Musik-Projekt auf Jamaika, Projects Abroad

Und nur noch ganz kurz zum eigentlichen Stoff der Musikstunden, die du unterrichtest: Es ist nichts, was du nicht weißt. Glaube mir, du müsstest alles schon wissen und keiner erwartet, dass du komplizierte Musiktheorie kannst. Sollte dann irgendwas aufkommen, dass du nicht (mehr) weißt, kannst du alles immer noch dort lernen. Mr. Bulgin ist immer für dich da. Mach dir echt keine Sorgen wegen sowas.

Ich weiß, dass sich manches recht hart anhört. Ich hatte mir gesagt, ich schreibe genau wie es ist, nichts schöner und nichts schlechter dargestellt. Ich will, dass du keine unangenehmen Überraschungen hast. Und trotzdem, noch einmal: Ich habe es GELIEBT. Alles. Die Frage ist nur, glaubst du mir? Ich bin absolut überzeugt, jeder kann hingehen, das als Herausforderung sehen, etwas lernen und letztendlich stärker rauskommen, als man vorher war.

Ich bin nicht nach Jamaika gegangen, um nur am Strand zu liegen, als wäre ich auf einem monatelangen Urlaubstrip. Keine Sorge, das hast du trotzde und wenn du möchtest am jeden Wochenende Karibikstrand! Ich hoffe die Bilder sprechen da ein bisschen für sich).

Ich bin nach Jamaika, um was anderes zu erleben. Ich bin gegangen, um was Neues zu lernen, besser zu werden, neue Leute kennenzulernen, vielleicht auch eine neue Seite von mir zu entdecken oder auszuprobieren. Ich bin gegangen, um eine Herausforderung anzunehmen und zu meistern – oder klassisch ausgedrückt, um zu leben. So im Nachhinein kann ich mit voller Überzeugung verkünden: Das hab ich erreicht!

Helena Kunkel

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Dieser Bericht basiert auf individuellen Erfahrungen des/der Freiwilligen im Projekt und ist eine Momentaufnahme innerhalb eines bestimmten Zeitraumes. Bitte beachte, dass sich unsere Projekte in stetigen Wandel befinden und kontinuierlich auf die sich verändernden Bedürfnisse unserer Partnergemeinden zugeschnitten werden. Projektetappen werden nach und nach fertiggestellt und darauf aufbauend neue begonnen. Auch saisonale Wetterbedingungen im Zielland haben einen großen Einfluss auf unsere Projekte. Darum können deine Tätigkeitsbereiche und persönlichen Erfahrungen im Projekt von den Schilderungen in diesem Erfahrungsbericht abweichen. Für weitere Informationen über das, was dich im Projekt erwartet, schaue dir die Projektseite an oder lass dich von unseren Mitarbeiter/innen im deutschen Büro beraten.

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