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Mongolei: Ob ich die Kuh schnell oder langsam melke, ist gar nicht entscheidend

Das Nomaden-Projekt in der Mongolei von Cathrin Behlau

Gastvater einer Freiwilligen stellt ein Lasso her

Ziehen und gleichzeitig mit den Fingern ein wenig nach vorn drücken. Ich bilde mir ein, dass ich es genauso mache wie meine Gastschwester Okhoo neben mir. Doch während sich ihr Eimer schnell füllt und sie sich schon nach der nächsten Aufgabe umsieht, passiert bei mir so gut wie gar nichts. Ein paar Tröpfchen, das war´s. „Meine“ Kuh wird langsam unruhig, auch, weil ich immer hektischer an ihrem Euter herumwurschtel. Es ist der erste Abend beim Nomadenprojekt, und ich melke das erste Mal in meinem Leben eine Kuh. Es wird dunkel und langsam kalt. Und ich frage mich das erste Mal, warum ich eigentlich hier bin.

Hier, das ist das Camp von Okhoos Eltern, Batjargal und Tuul. Sie leben als Nomaden in der Selenge-Provinz, rund 300 Kilometer nördlich von Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Für eine Woche will ich hierbleiben, um etwas über das Leben der Nomaden zu lernen und zu helfen, wo ich kann. Die Fahrt hierher dauert fast 5,5 Stunden, zunächst über die Hauptstraße nach Norden, dann hinter der Tankstelle links und am Ende ein paar Kilometer am Fluss entlang über eine Sandpiste. Das Camp besteht aus zwei Jurten – mongolisch Ger – die malerisch an einem kleinen Fluss liegen. Die nächsten Jurten, unsere Nachbarn also, sind ein paar Hundert Meter entfernt. Etwa 50 Meter von unseren Gers entfernt steht ein kleines Gatter für die Kälber. Überall laufen Kühe, Schweine und Pferde herum, der Boden ist übersäht von Dung. Zwei Hunde begrüßen mich schwanzwedelnd; dass die Hunde von den Nomaden zu Fremden so freundlich sind wie die beiden, ist jedoch wohl eher eine Ausnahme.

Gastmutter treibt Kühe vorwärts

So ruhig und einsam die Umgebung, so wuselig geht es im Camp zu. Neben Batjargal und Tuul, beide Anfang 60, sind wir fünf Erwachsene sowie sechs Kinder zwischen drei und zehn Jahren. Okhoo spricht ein bisschen Englisch, ihr Bruder etwas Russisch. Das hilft ungemein. Ich bekomme ein eigenes Bett in der größeren Jurte, der Rest verteilt sich auf zwei Matratzen und dem Boden. Dann wird erst einmal gegessen. Ich habe mir vorgenommen, ganz offen zu sein, was das angeht. Und tatsächlich hält sich der Schock überraschenderweise in Grenzen, als ich das Festmahl sehe, das zur Feier meiner Ankunft aufgetischt wird: Innereien vom Schaf, alles in einer großen Schüssel. Reihum geht das Messer, jeder schneidet sich ein Stück ab. Dazu gibt es selbstgemachte Butter und Brot und gesalzenen Milchtee. Nach dem Essen spülen wir alles mit einem mongolischen Wodka herunter. Ich bin angekommen.

Traditionelles Gericht aus der Mongolei

Jeden Morgen und jeden Abend werden die Kühe gemolken, zwischendurch bereiten wir Essen vor oder machen einfach Pause, spielen Karten und schauen Fotos an. Ich mache Spaziergänge durch die Gegend, einmal machen wir mit der ganzen Familie einen Ausflug ins Amarbayasgalant-Kloster. Die Familie nimmt sich sehr viel Zeit, mir alles zu erklären und zu zeigen. Zu essen gibt es Schaf in allen Variationen, jeden Tag: Als Fleisch in der Suppe, mit Nudeln, mit Reis, im Teig frittiert, einfach pur im Topf, zum Frühstück, zum Mittag, zum Abendessen. Dazu in der Regel Milchtee, Brot und tatsächlich – Gemüse, vor allem Möhren oder Kohl.

Im Grunde ist es fast ein bisschen wie Urlaub. Es wird ja auch schnell klar: Ich bin gar keine große Hilfe. Ich bin ein Stadtkind mit einem Bürojob und habe noch nie eine Kuh gemolken oder ein Schaf geschoren. Helfen kann ich vor allem, wenn kein Fachwissen gefragt ist: Ich helfe dabei, die Kühe zu unseren Nachbarn (ein knapp zweistündiger Fußmarsch) zu bringen und dort das Gatter wieder aufzubauen. Oder beim Abbau der Jurte, denn gegen Ende meines Aufenthalts zieht die Familie ins Wintercamp, einem selbst gebauten Haus etwa 20 Kilometer vom Sommercamp entfernt.

Gastmutter im Nomaden-Projekt baut eine Jurte ab

Doch schnell merke ich: Ob ich die Kuh schnell oder langsam melke, ist gar nicht entscheidend. Okhoo und ihre Familie werden dabei immer schneller sein. Hier geht es um etwas ganz anderes – um interkulturellen Austausch. Um das gemeinsam Fotos anschauen, gemeinsam Englisch und Mongolisch üben, voneinander lernen. Und das machen wir. Die Kinder und ich üben englische Zahlen beim Seilspringen und bei unseren Spaziergängen die englischen Wörter für Steine, Spinnen und Kuhfladen. Nach ein paar Tagen ist es kaum noch möglich, einen Schritt allein zu machen. Die Kinder folgen mir auf dem Fuße, wollen alles wissen, und mir alles zeigen.

Es ist vor allem diese gemeinsame Zeit, die das Projekt so wertvoll macht. Und so unvergesslich.

Cathrin Behlau

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