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Meine zwei Monate in der mongolischen Steppe

Nomaden – Projekt in der Mongolei von Monja Bähler

Nomaden-Projekt Mongolei, Projects Abroad

Wie jedes Mal, wenn der Sinkflug bei einem Flugzeug einsetzt, presste ich mein Gesicht ganz nahe an das Flugzeugfenster und schon als die karge Hügellandschaft rund um Ulaanbaatar durch die Wolkenschicht hindurch langsam sichtbar wurde, wusste ich: Das war die richtige Entscheidung. Ich ließ meinen Blick über die endlose Weite schweifen und konnte nicht fassen, wie dünn besiedelt dieses Land sein musste, obwohl ich mir natürlich schon vor meiner Reise einen Steckbrief über die Mongolei angesehen hatte. Vielmehr Reisevorbereitung hatte ich jedoch nicht betrieben, obwohl ich mich im Grunde schon vor mehreren Jahren dafür entschieden hatte diese Reise – in die Steppe, in die Wildnis, ins einfache Leben, zu mir selbst--- anzutreten. Seit ich die Bilder von dem scheinbar unendlichen Horizont der mongolischen Steppe auf meinem Computerbildschirm flimmern sah, verspürte ich mehr denn je den Drang, der Zivilisation zu entfliehen und mich an einem Ort fernab von unseren Konsumtempeln wiederzufinden- an einem Ort, wo das Wesentliche vielleicht noch erkennbar ist.

Nomaden-Projekt Mongolei, Projects Abroad

Ehe ich mich versah, waren meine Tagträume dann auch Wirklichkeit geworden. Nach meiner Abholung vom Flughafen, der Einführung in mein Projekt und einer kurzen Nacht in einem familiären Hostel, wurde ich am nächsten Morgen aus Ulaanbaatar raus und rein in die Steppe zu meiner Nomadenfamilie gefahren. Auf der, wegen einigen Autopannen, über vier Stunden dauernden Fahrt durch die strassenlose Landschaft hatte ich viel Zeit die Weite auf mich wirken zu lassen, aber auch die Nervosität zu spüren, welche in mir aufzukeimen begann. Wie würden die Menschen sein, mit denen ich mir für die nächsten zwei Monate eine Jurte von etwa sechzehn Quadratmetern Fläche teilen würde? Wie würde ich mich mit ihnen verständigen? Ich konnte doch kaum ihre Namen aussprechen.

Die traditionell mongolische Musik aus dem blechern klingenden Autoradio und das monotone Rumpeln der Räder auf dem trockenen Boden beruhigten mich jedoch allmählich und früher als erwartet tauchten aus dem Nichts die zwei weißen Jurten meiner Gastfamilie auf. Mein Gepäck wurde ausgeladen, eine Tasse gesalzenen, mongolischen Tee getrunken, eine kurze Verabschiedung- bis in zwei Wochen- und das Auto war wieder zwischen den steinigen Hügeln verschluckt.

Nomaden-Projekt Mongolei, Projects Abroad

Nachdem mir meine Gastmama meinen, links vom Eingang gelegenen, Schlafplatz gezeigt hatte- Gäste halten sich nach traditionell mongolischen Sitten immer auf der linken Seite des niedrigen Einganges der Jurte auf- half ich beim gemeinsamen Kochen des Mittagessens mit. Während ich auf dem Boden sitzend Kartoffeln- auf mongolisch Tums- schnitt und mir erste mongolische Vokabeln bezüglich des Essens aneignete, schmolzen meine Bedenken dahin. Und spätestens als wir am Nachmittag alle gemeinsam den monströsen blauen Laster anschieben mussten, damit der Motor ansprang und wir zur Quelle fahren und unseren Wasservorrat auffüllen konnten, war ich längst in stummem Einverständnis zu einem Teil der Familie geworden.

In den nächsten Tagen wuchs mein Wortschatz an mongolischen Wörtern gewaltig. Zwar war es mir nicht möglich, grammatikalisch vollständige Sätze zu formulieren, jedoch hatte ich die alltäglichen Begriffe der Werkzeuge, Esswaren und Tiere schnell intus und wenn es einmal mit der Kommunikation überhaupt nicht klappen wollte, halfen immer noch Hände, Füße oder ab und zu auch eine Zeichnung weiter. Zudem versuchte ich auch immer wieder meiner Gastmama ein paar Brocken Englisch beizubringen.

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Bezüglich der Sprache musste ich jedoch auch erkennen, dass es auch eine extrem spannende Erfahrung sein kann, einmal nur auf den Ausdruck in den Gesichtern der Sprechenden zu achten, ohne von den gesprochenen Worten getäuscht zu werden. Ich schaute in die Gesichter meiner Familie, lauschte dem melodiösen Klang der Sprache und sah oft die Wärme und Gastfreundschaft, die in ihrer eher kargen Ausdrucksweise und mit sehr spärlichem Gebrauch von Danke, manchmal nicht zu finden ist, auch da wir nett erscheinende Gefälligkeiten oft als selbstverständlich erachten.

Die Tage begannen miteinander zu verschmelzen und mir begann mein Zeitgefühl völlig zu entgleiten, zumal die einzige Uhr in der Jurte aufgezogen werden musste, was des Öfteren vergessen ging. Ich richtete meinen inneren Rhythmus nach dem Sammeln der getrockneten Kuhfladen, welche uns als Brennmaterial dienten, nach dem Holen des Quellwassers, nach dem Schären unserer Kaschmirziegen, nach den Geburten und dem Sterben unserer Tiere, nach dem Kochen über dem knisternden Feuer, nach dem Essen von Tsüvang oder Buzz, nach dem Kommen und Gehen des Regens und des Schnees, vor dessen Kälte mich meine Gastmama mit einer zusätzlichen Decke schützte. Ich richtete meine Tage nach dem Melken der etwa dreihundert köpfigen Ziegen- und Schafsherde, welche stets auf der Suche nach Futter in dieser vom Winter noch so stark geprägten Einöde, am Morgen in die Hügel hinauszog und ab Abend von ganz alleine wieder zurück fand, nach dem Entstehen des eigenen Joghurts und des eigenen Käses, nach dem Schlachten der Ziegen, welche samt ihren Eingeweiden restlos verspeist wurden, nach der Verarbeitung ihres Felles, nach dem geselligen Zusammensitzen und Karten- und Knochenspielen am Abend, nach den mongolischen Zeremonien, wie etwa der Haarschneidezeremonie bei kleinen Kindern, welche ich miterleben durfte, nach dem Umziehen in unser Sommerquartier, welches nahe am Fluss gelegen war, und nach dem Spielen mit den zwei kleinen Kindern, die sich um einen Holzstock als Spielzeug stritten.

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Wie alle Nomaden fing auch ich an, nur im Augenblick, im Moment zu leben, ohne Gedanken an gestern oder morgen, was ich Zuhause vielleicht als dumm, sogar beängstigend empfunden hätte, hier jedoch zu meiner inneren Ruhe beitrug. Ich genoss es, draussen einfach durch die Ebene laufen zu können, immer weiter, auf Hügel, Berge, durch ausgetrocknete Flussläufe, wild lebende Kamele zu beobachten, auf den Pferden durch die Steppe zu reiten und den Vögeln beim Fliegen zuzuhören.

Umso erstaunter war ich, als es dann plötzlich wieder einmal Zeit wurde, für ein paar Tage in die Hauptstadt zurückzukehren, sich eine Dusche unter fliessendem Wasser zu gönnen und in kulturellen Touristenshows zu sehen, wie die Nomaden sich den Tagestouristen präsentierten. Ich erkannte vieles wieder, musste jedoch auch einige Verherrlichenden erkennen, welche im Gegensatz zu dem wirklichen Leben der Nomaden standen. So hat zum Beispiel die Globalisierung auch vor den Türen der Jurten keinen Halt gemacht und der Abfall der Nomaden, der früher in der Steppe verrottet ist, liegt nun heute überall verstreut in Form von Glas- und Petflaschen herum. Ich begann, diese einzusammeln und in die Stadt mitzunehmen, wobei meine Gasteltern dies überhaupt nicht nachvollziehen konnten, da die nötige Aufklärung über die Verschmutzung der Umwelt in der Mongolei noch viel Nachholbedarf hat.

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Gerade deshalb bin ich jedoch immer voller Freude zu meiner Familie zurückgekehrt, um von ihnen zu lernen, aber auch, um ihnen vielleicht etwas aus meiner Kultur mitgeben zu können. Die Eindrücke welche ich von meinem Aufenthalt in der Mongolei mitnehme, sind jedoch so riesig wie die mongolische Steppe selbst, schwer in Worte zu fassen und erst recht unmöglich, in meinen Kopf zu pressen. Dies ist ja aber auch die Faszination der Weite und der Freiheit. Man kann es eben nur selbst erleben.

Monja Bähler

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