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In einem guten Wort steckt Wärme für drei Winter

Nomaden – Projekt in der Mongolei von Verena Krause

Es ist schon eine Weile her, aber ich erinnere mich noch gut, als ich im Zug von Moskau auf dem Weg nach Ulan Bator saß, und die Gesichter bald schon ein bisschen mongolischer wirkten. Rundlicher, mehr Lachfältchen um die Augen, sonnenverbrannte Haut.

Wieso ich mich dafür entschieden hab? Ich weiß es eigentlich gar nicht mehr. Ich wollte, denke ich, was Anderes sehen, mal meine Ruhe haben. ; keine Leute um mich haben, die es gewohnt sind, sich zu profilieren - durch Dinge, durch Schönheit, durch Klugheit.

Gastfamilie Mongolei, Projects Abroad

Vor allem die Bücher des mongolischen Schriftstellers Galsan Tschinag, der in Leipzig Germanistik studierte, haben mein Interesse für die Mongolei geweckt und mich mit dem Gedanken spielen lassen, einen Blick in dieses Land zu wagen.

Ich durfte bei einem älteren Pärchen und ihrer Enkelin bleiben.

Die kleine Tonga, die mir vom ersten Tag an auf Schritt und Tritt folgte, ihr Großvater, der eine Vorliebe für Wodka hatte, und es dennoch zustande brachte, mit viel Liebe einen rosa Sattel für die Kleine zu schnitzen, und zu guter Letzt Baigalmaa, ein Großmütterchen, das mich mit ihrem warmen Lächeln wohl nicht besser hätte willkommen heißen können. Um ein Heim zu schaffen, braucht es eben eine Frau.

Mich machte es irgendwie neugierig, wie es wohl wäre, für eine Zeit lang ohne Sprache auskommen zu müssen. Missverständnisse gab es genügend, aber das war wohl eher Anlass zum Schmunzeln. Am Ende des Monats hatte ich einen winzigen Zettel, voll mit Wörtern und Zeichnungen: Dankeschön, Schaf, Ziege, Hunger, lecker, müde.

Nomaden-Projekt Mongolei, Projects Abroad

Es ist schön zu sehen, wie wenig Worte man in Wirklichkeit braucht, um sich zu verstehen. Durch ein Lächeln, eine Geste. Und wenn man auf so kleinem Raum wie einer Jurte miteinander lebt, lernt man sich auch ohne Sprache schneller kennen, als man denkt.

Ohne viel nachzudenken geht man Tag für Tag seiner Arbeit nach, eben weil es nötig ist. Wir neigen ja dazu, alles in Frage zu stellen, was wahrscheinlich nicht immer glücklicher macht. In der Natur zu sein, mit dem Sonnenaufgang aufzuwachen, und abends erschöpft einzuschlafen, ist auf eine ganz andere Weise erholsam, als es ein Wellnessurlaub ist.

Meine Aufgaben waren, mehrmals am Tag Wasser von der Wasserstelle zu holen, die Kessel zu schrubben, Dung zu sammeln (Kuhdung wird statt Holz zum Heizen verwendet), beim Melken und Schlachten zu helfen, und die Kälber zu hüten. Kälber hüten ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Kälber sind schlau, und haben sicherlich die Fähigkeit zur Schadenfreude, wenn sie mal wieder entwischten und mich zum Verzweifeln brachten. Aber bei ihren lieben Augen und den langen Wimpern kann man das wohl verzeihen.

Kamele Nomaden-Projekt Mongolei, Projects Abroad

Die Bräuche und Traditionen haben mich manchmal auch stutzig gemacht: Beispielsweise das Schlachten der Schafe. Jedes Tier wird der Tradition nach auf eine andere Weise geschlachtet. Beim Schaf wird der Bauch aufgeschnitten, die Aorta wird mit der Hand durchgerissen, woraufhin das Tier verblutet.

Zu einem der größeren Festlichkeiten gehört das Brandmarken der Pferde. Sämtliche Verwandte und Freunde der Familie kamen dafür angepilgert. Ich kann mich nur wundern, wie viele Leute dann doch in eine so kleine Jurte passen. Die Stammesältesten bekamen damals ein Schälchen voll Airag (vergorene Stutenmilch) und Wodka, sprachen eine Segnung oder Ähnliches (ich kann ja nur raten) und reichten es weiter, woraufhin man sang und trank.

Erfrischung im Nomaden-Projekt

Es gibt viele Dinge, die ich vermisse – in der Jurte liegend neben sich die Herden trampeln zu hören, die abendlichen Farben am Himmel, der Anblick der wunderschönen, farbenfrohen Stoffe, aus denen die Deels gemacht sind. Die Luft, die endlose Weite, in der man sich fast ein bisschen verloren vorkommt. Der Geruch verbrannter Milch, die rund um die Uhr an der Feuerstelle vor sich hin köchelte. Vorbeiziehende Kamelherden. Baigalmaa, die mit ihrem Fernglas stets die Herde im Blick hatte. Die unscheinbaren Bräuche, wie zum Beispiel ein wenig von der täglich gemolkenen Milch vor den Jurteneingang zu schütten, „um der Natur etwas zurückzugeben“. Die buddhistischen Muster, mit denen das Jurtengestell bemalt war.

Auch die starke Zusammengehörigkeit der Menschen dort hat mich beeindruckt. Man hilft sich untereinander, wo man kann, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Anders ginge es wahrscheinlich auch gar nicht.

Doch mit am meisten vermisse ich den nächtlichen Himmel. Ich habe die Sterne noch nie so klar und groß und geheimnisvoll erlebt, wie dort.

Und doch stell ich mir die Dinge immer ein wenig romantischer vor, als sie sind. Im Winter wird es oft so kalt, dass ganze Herden, die Existenzgrundlage der Familien dort, sterben. Immer mehr der Jungen entscheiden sich für ein Leben in der Stadt.

Am Ende denke ich, will man immer das haben, was man nicht haben kann. Was einem fremd und reizvoll vorkommt. Ob die meisten Nomaden ihren Alltag so anpreisen würden? Ich bin mir nicht sicher. Mittlerweile haben viele der Jurten schon einen Fernseher, und generell macht sich der westliche Einfluss bemerkbar. Doch sogar in der Hauptstadt leben die Leute noch in ihren Jurten, besonders je weiter man Richtung Stadtrand kommt. Es heißt wohl doch: Einmal Nomade, immer Nomade.

Natur in der Mongolei

Ich hoffe, ich konnte meinen Ersatzgroßeltern zeigen, wie dankbar ich für ihre Gastfreundschaft und die Zeit mit ihnen bin. Die Menschen dort haben nicht viel, und doch teilen sie alles mit einem. So schnell werde ich die Eindrücke von dort nicht vergessen.

Irgendwann möchte ich noch einmal dorthin. Und als Hebammenstudentin habe ich mich schon öfter gefragt, wie wohl eine typische Geburt in einer Nomadenfamilie abläuft.

Wer sich von dem Leben dort nicht so wirklich ein Bild machen kann, sollte sich unbedingt die Filme „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ und „the Cave of the yellow dog“ ansehen.

Verena Krause

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