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Rabat und ganz Marokko

Zwei Kinder und ich

Sozialarbeit in Marokko von Johanna Oezogul

Als ich endlich im Flugzeug saß und Ruhe zum Nachdenken fand, habe ich realisiert, dass ich in wenigen Stunden eine andere Welt betreten würde, die für zwei Monate mein neues zu Hause sein würde. In den letzten Tagen vor meiner Abreise war ich so beschäftigt gewesen mit Koffer packen und Verabschiedungen, dass ich gar nicht dazu kam, aufgeregt zu sein. Aber im Flugzeug wurde mir dann doch etwas mulmig zu Mute. Was würde mich erwarten?

Für Marokko habe ich mich eher zufällig entschieden. Ich erinnere mich daran, einen Dokumentarfilm über das Land gesehen zu haben, der mich sehr beeindruckt hat. Als ich dann zwei Monate Zeit für einen Auslandsaufenthalt hatte, gerne mit Kindern arbeiten und nebenbei noch mein Französisch ein wenig auffrischen wollte, war schnell klar, wohin es gehen sollte.

Ich landete gegen Mitternacht in Casablanca, der größten Stadt Marokkos - zu meiner Erleichterung entdeckte ich einen Mitarbeiter von Projects Abroad, der ein Schild in den Händen hielt, sofort. Mit dem Auto sind wir von Casa aus etwa eine Stunde die Küste entlang Richtung Norden gefahren, bis wir die Hauptstadt Rabat erreichten.

In der Sahara

Hier in Rabats Medina Ancienne (alter Stadtkern) mit den engen Gassen und zahlreichen kleinen Obst-, Gemüse- und Fischständen, leben die Gastfamilien, bei denen die Freiwilligen von Projects Abroad unterkommen.

Aufgrund der späten Uhrzeit fiel die Begrüßung meiner Gastfamilie kurz, aber herzlich, aus. Mir wurde mein Bett gezeigt und - alle sind schlafen gegangen. Ich wusste trotzdem sofort, dass ich mich hier sehr wohl fühlen würde. Und von dem marokkanischen Essen, dass mir am nächsten Tag reichlich aufgetischt wurde („Kuli kuli!“ – was auf Arabisch soviel heißt wie „Iss, iss!“) war ich ganz begeistert. Beeindruckend war außerdem das typisch marokkanische Haus mit Salon, hoher Decke und Glasdach. Das Haus war sehr sauber und es gab eine kleine Dusche – für warmes Wasser musste allerdings erst der Gashahn aufgedreht werden, wie ich während meiner ersten Dusche zitternd feststellen musste...

Ich verbrachte wunderschöne Wochen in Marokko, die ich nie vergessen werde. Sowohl die ungewohnte Arbeit als auch der enge Kontakt mit anderen Freiwilligen und die Reisen durch das Land am Wochenende waren einmalige Erfahrungen! Abgesehen von Freitagnachmittag arbeitete ich zunächst jeden Wochentag vormittags und nachmittags je etwa vier Stunden. Etwas ungewohnt war es, dass man in Marokko üblicherweise zum Mittagessen nach Hause fährt. Anfangs fand ich dieses Hin- und Her stressig, schließlich musste jedes Mal ein „Grand Taxi“ gefunden werden, das gängigste Fortbewegungsmittel in Rabat. In Deutschland würde man die Taxis als Fünfsitzer betrachten, in Marokko wird daraus aber kurzerhand ein Siebensitzer gemacht. Auch der Fahrstil ist gewöhnungsbedürftig, Straßenseiten oder Geschwindigkeitsbegrenzungen werden nicht eingehalten. So blieb es auch nicht aus, dass ich einen leichten Auffahrunfall miterlebte, bei dem aber niemandem etwas passierte. Jedenfalls lernte ich nach einiger Zeit, selbst bei Hitze und Enge diese Fahrten zu genießen. Denn insbesondere im Taxi kam man leicht mit Einheimischen ins Gespräch und führte sehr nette und gute Unterhaltungen.

Die ersten vier Arbeitswochen verbrachte ich in einem Schulzentrum für benachteiligte Kinder in Salé, der Nachbarstadt Rabats. Die Vier- bis Sechszehnjährigen stammten aus ärmlichsten Verhältnissen und hatten oft Probleme in ihrer Familie. Das Zentrum versuchte, sie auf den (Wieder-) Besuch einer öffentlichen Schule vorzubereiten. Die Eltern achteten meist nicht auf regelmäßigen Schulbesuch, so dass die Kinder jeden Morgen aufgerufen wurden und wer fehlte, wurde zu Hause abgeholt. Auch kranke Kinder holte man zu Hause ab und brachte sie zu einem für die Familien oft unbezahlbaren Arzt. Mehrmals begleitete ich Lehrer bei dieser morgendlichen Kindersuche und bekam so viele Einblicke in die Lebenswelt der Kinder. Manche lebten zu sechst oder siebt in Slums mit Wellblechdächern, ohne Strom oder fließendes Wasser. Solch eine Armut schockierte mich.

Umso beeindruckender war es, zu sehen, wie sich die Kinder ihre Lebensfreude trotzdem behielten. Sie liebten es, zu singen und zu tanzen – auch ich wurde während des Musikunterrichts durch den Südafrikaner Nono des Öfteren vor die Klasse gezogen und habe getrommelt oder mitgesungen. Auch der Sportunterricht war sehr beliebt. Ich gab eigene Unterrichtsstunden in Kunst sowie Englischnachhilfe für ältere Mädchen, die nur noch nachmittags in das Zentrum kamen. Hier wurde es schon schwieriger, da sich die Kinder schlecht über einen längeren Zeitraum hinweg konzentrieren können. Auch an der Verständigung haperte es, entgegen meiner Erwartungen sprachen noch nicht einmal alle Lehrer französisch, und das Bildungsniveau von Jugendlichen entsprach oft dem deutscher Zweitklässler.

Madou, mein Dromedar

Teilweise erschrak mich auch der Umgang untereinander, schnell wurden Auseinandersetzungen mit den Fäusten gelöst, die Älteren schlugen wie selbstverständlich kleinere und schwächere Kinder. Und ich möchte an dieser Stelle nicht verheimlichen, dass auch Lehrer Kinder schlugen, wenn diese nicht gehorchten. Ein weiteres Zeichen für die Armut der Kinder war für mich, dass regelmäßig meine bunten Stifte und sogar einfaches, weißes Papier geklaut wurden. Trotz der teilweise schwierigen Situationen bin ich dankbar für die Erfahrungen, die ich in diesem Zentrum gemacht habe. Viele meiner „Alltagsprobleme“ in Deutschland betrachte ich nun mit ganz anderen Augen.

Die nächsten vier Wochen verbrachte ich in einem anderen Zentrum in Takadoum, einem armen Stadtteil Rabats. Hier befand sich die Halbtagesbetreuungsstätte für behinderte Kinder und Jugendliche, in der ich zusammen mit anderen Freiwilligen arbeitete. Nachdem ich in Salé regelmäßig alleine zwanzig und mehr Kinder auf einmal betreut hatte, fand ich es sehr angenehm, mich hier um Einzelne kümmern zu können. Da ich bisher noch nie mit Behinderten gearbeitet hatte, war ich am ersten Tag aufgeregt. Über diese Aufregung und Berührungsängste halfen mir die Kinder aber schnell hinweg, indem sie mich direkt zu Spielen aufforderten, mir ihre Hände zur Begrüßung hinhielten oder mich auf die Wange küssen wollten. Auch die Betreuer gingen sehr liebevoll mit den Kindern um, außerdem wurden Ausflüge ans Meer oder in den Minipark organisiert, bei denen wir alle großen Spaß hatten. Und immer wieder bedankten sich Eltern und Angehörige herzlich bei mir und den anderen Freiwilligen.

Womit ich vor meinem Aufenthalt nicht gerechnet hatte, war der enge Kontakt zu den anderen Freiwilligen. Abgesehen von einem Mädchen aus der Schweiz stammten die restlichen Freiwilligen aus England, den USA und dem englischsprachigen Kanada, was dazu führte, dass ich mehr Englisch lernte als Französisch. Irgendwann fing ich sogar damit an, auf Englisch zu zählen und zu träumen, und am Telefon rief ich meinen Eltern ein „I can`t hear you!“ zu. In Rabat trafen wir uns abends regelmäßig, um einen frisch gepressten Orangensaft zu trinken oder ins Hammam zu gehen.

Jeden Dienstagabend fand außerdem ein Treffen aller Freiwilligen mit den Betreuern von Projects Abroad statt, in wechselnder Reihenfolge luden die verschiedenen Gastfamilien zu marokkanischen Spezialitäten ein. So bekam man auch die Gelegenheit, andere Gastfamilien und ihre oftmals wunderschönen Häuser zu sehen.

Aber besonders überrascht war ich davon, dass sich immer wieder Gruppen Freiwilliger fanden, die gemeinsam am Wochenende verreisten. Während mir die anderen anfangs zeigten, wie man sich in Marokko zu Recht findet, war am Ende ich es, die den Neulingen alles erklärte. Ich habe jedes Wochenende etwas unternommen, habe die Königsstädte Marrakesch, Meknes und Fes besichtigt, lag im wunderschönen Touristenort Essaouira am Strand und bin in Assilah die Atlantikküste entlang gewandert. Auch nach Casa, meinem Ankunftsort, bin ich zurück gekehrt, um die drittgrößte Moschee der Welt zu sehen. Mein unumstrittener Lieblingsort in Marokko ist aber das im Gebirge gelegene Cheffchaouen mit seinen engen Gassen und blau – weißen Häusern.

Höhepunkt meiner Reisen war dann ein fünftägiger Trek durch die Sahara. Für diese Erfahrung gab man mir zusätzlich zum Wochenende zwei Arbeitstage frei. Gemeinsam mit einer Kanadierin bin ich mit einem Nachtbus über zwölf Stunden in den Süden gefahren, bis nach Zagora. Zusammen mit zwei Guides und zwei Dromedaren sind wir zunächst durch Sanddünen und später durch Berge gewandert und waren am Ende nur noch 50 km von der algerischen Grenze entfernt. Es war so warm, dass wir nachts unter freiem Himmel schlafen konnten! Vorm einschlafen haben wir die Sterne beobachtet, während wir uns Rätsel und Gruselgeschichten über Kobras und Skorpione erzählten. Obwohl es sehr anstrengend und kraftraubend war, bei vierzig Grad zu wandern oder Kamel zu reiten, möchte ich diese tolle Erfahrung auf keinen Fall missen!

Mein Aufenthalt in Marokko war für mich also voller Erfolg, der mich auch persönlich weiter gebracht hat. Viele Dinge betrachte ich nun mit anderen Augen, außerdem bin ich selbstbewusster und mutiger geworden. Und meine Reiselust wurde geweckt! Das nächste Mal möchte ich übrigens nach Südafrika... oder nach Südamerika...

Johanna Oezogul

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Dieser Erfahrungsbericht enthält eventuell Bezüge zu Arbeit in oder mit Waisenhäusern. Projects Abroad’s aktuellen Standpunkt zu Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern und Kinderheimen und Informationen über unseren Schwerpunkt auf gemeindenahe Kinderbetreuung kannst du hier nachlesen.

Dieser Bericht basiert auf individuellen Erfahrungen des/der Freiwilligen im Projekt und ist eine Momentaufnahme innerhalb eines bestimmten Zeitraumes. Bitte beachte, dass sich unsere Projekte in stetigen Wandel befinden und kontinuierlich auf die sich verändernden Bedürfnisse unserer Partnergemeinden zugeschnitten werden. Projektetappen werden nach und nach fertiggestellt und darauf aufbauend neue begonnen. Auch saisonale Wetterbedingungen im Zielland haben einen großen Einfluss auf unsere Projekte. Darum können deine Tätigkeitsbereiche und persönlichen Erfahrungen im Projekt von den Schilderungen in diesem Erfahrungsbericht abweichen. Für weitere Informationen über das, was dich im Projekt erwartet, schaue dir die Projektseite an oder lass dich von unseren Mitarbeiter/innen im deutschen Büro beraten.

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