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Last-Minute Mästen

Das bin ich

Unterrichten in Marokko von Gabriele Roth

Ich kam Monate nach meiner Anmeldung nachts am Flughafen von Casablanca an, wurde von Projects Abroad abgeholt und nach Rabat gebracht, wo ich dann um 2 Uhr früh meine Gastmutter kennen lernte, halbtot neben einer noch unbekannten Zimmer-Mitbewohnerin ins Bett fiel, nur um kurz darauf wieder vom Gebetsruf des Muezzins (oder der Muezzine), der über der ganzen Stadt ertönt, aus dem Schlaf gerissen zu werden. An diesen Ruf gewöhnte ich mich bald, sodass ich ihn in der Nacht überhaupt nicht mehr wahrnahm.

In den folgenden Tagen lernte ich zunächst meine Gastfamilie kennen – ein sehr netter und aufgeschlossener Frauenhaushalt, in dem ich mich schnell zurechtfand und wohlfühlte. Gleich zwei lustige Gastmütter (Schwestern), die mich unentwegt mit köstlichem marokkanischen Essen vollstopften, einem das gemeinsame Essen aus einer großen Schüssel zeigten, und einem abends beim Fernsehen versuchten, die spannende Telenovela auf Französisch zu erklären, oder einen mal schnell auf den Markt um die Ecke mitnahmen, gaben mir schnell das Gefühl, zu Hause zu sein.

Alle Freiwilligen wohnen in Marokko in der Medina - nur ein paar Minuten voneinander entfernt. Dies macht das gegenseitige Besuchen einfach – man muss nur die verwinkelten Gassen auseinander halten, die von sich ähnelnden Häusern umgeben sind und diese in ein Gesamtbild einordnen, denn nie hat auch nur irgendjemand das Unmögliche versucht, dieses Chaos vollständig auf einem Stadtplan abzubilden. Die Häuser stehen dicht zusammen gedrängt und sind von außen schlicht gehalten, wobei sie einen beim Eintreten aufgrund ihrer Ausstattung und orientalischer Verzierung umso mehr verblüffen. An jeder zweiten Ecke schlendert man an einer Moschee oder einem Gebetshaus vorbei. Direkt um die Ecke von meinem Haus befand sich der Lebensmittelsouk, ein Anblick für sich.

Meine klasse und ich

Es verblüffte mich immer beim Heimgehen abends, wie man sich da noch einen Weg durchbahnen konnte, wenn die Hennen mit zusammengebundenen Flügeln sich am Boden von rechts vorrobbten und man links einer Gemüsekiste ausweichen musste, was einen gefährlich nahe an die Fleischtheke rechts heranbrachte, an der verschiedene Netzmägen und Kuhhoden aufgehängt waren (hinter denen der Blick auf ein großes Portrait von Mohammed VI fiel). Weiter links wurde auf einem im Freien aufgestellten Herd ein gehäuteter Kuhkopf geschmort, von dem man sich dann gerne ein Stückchen abschneiden lassen konnte und deshalb die Kuh einen halb schockiert aus einem noch hinterbliebenen Auge und halb aus einer dunklen Höhle (weil auf der einen Seite nur noch Skelett) anstarrte. Wenn man dann einmal die aufgebahrten Fische und den Eimer mit den Gräten umrundet hatte, war man schon fast zu hause. Und durch dieses ganze Gedränge fuhren noch Motorräder und wurden Handkarren geschoben. Wenn man schon von hinten irgendwo "Balek balek" hörte, hieß das soviel, dass wenn man jetzt nicht sofort aus dem Weg springt und dabei einige zu weit vorgerobbte Hühnchen mitnimmt, man eben von einem mittelgroßen Handkarren überrollt werden wird.

Ich habe in zwei Einrichtungen Englisch unterrichtet, die beide aus einem ganz anderen Grund anspruchsvoll waren: Die Arbeit am Vormittag war in einer Institution, die 18 bis 20jährige (die sich nicht alle immer unbedingt altersentsprechend verhielten) unterrichtet in allen mehr oder weniger sinnvollen Dingen, da sie die Schulausbildung nicht abgeschlossen haben. Ein bisschen Englisch stand folglich auch mit auf dem Plan.

Der Unterricht wurde von mir und einer anderen Teilnehmerin gestaltet. Wir fühlten uns bei dem einen oder anderen Blödsinn, den die Schüler machten, sehr stark an die eigene Schulzeit erinnert: Auch die kläglichsten Spickversuche existieren länderübergreifend. Bisweilen brachten sie uns damit zum Lachen als wir uns fragten: „meine Güte und das haben wir wirklich selbst mal versucht?“

Ausflug ins Gebirge

Für mein anderes Unterrichtsprojekt ging es nachmittags in Richtung Takaddoum, einem der ärmsten Viertel Rabats. Die Association hier bietet, so sie Lehrer findet, Kurse für alles Mögliche an, und jeder, der sich interessiert, kann sich für ein bisschen Geld einschreiben. So gibt es auch schon seit längerer Zeit eine Englischklasse fortgeschrittenen Niveaus ( wenn auch dieses bei jedem Einzelnen wieder sehr unterschiedlich ist) die treu zum Unterricht kommen und schon eine Reihe von Freiwilligen hinter sich haben. Diese eher kleine Klasse (8-10 Leute,20 bis 35 Jahre) übernahm ich mit einer anderen Freiwilligen und später alleine.
Das Schöne an dieser Klasse war, dass sie wirklich da war um Englisch zu lernen - und dieser freie Wille im Vergleich zu der Klasse am morgen machte aus ihnen eine überaus interessierte, aber auch anspruchsvolle Gruppe. Auch hier lag die Unterrichtsgestaltung wieder vollkommen in der Hand der Freiwilligen, was einem unendliche Möglichkeiten aber auch reichlich Vorbereitungszeit bescherte. Diese Arbeit hat mir dann aber auch nachdem sie mich anfänglich etwas eingeschüchtert hatte, am meisten Spaß gemacht. Am liebsten führten die Schüler Diskussionsrunden und hatten dabei zu allem und jedem etwas zu sagen, was mich dann dazu brachte, beispielsweise Zeitungsartikel zu suchen und Themen wie Gentechnik, Atomenergie und die US-Wahlen anzusprechen. Von manchen dieser Themen hatte ich bestimmt auch nicht immer Ahnung, aber es war beeindruckend, was ich von meinen Schülern lernen konnte! Also nichts besser als am Anfang der Stunde wieder gefragt wurde „teacher, are we discussing politics today?“ und am Ende der Stunde überzogen werden musste um die Runde zu beenden, die dann noch beim Weg zurück zum Taxi zu Ende besprochen wurde.

Dabei war diese Gruppe wirklich offen für alles und hat trotz der Tatsache dass ich jünger war als sie alle, meine Entscheidungen immer respektiert. Ich konnte auch unvermittelt verschiedene Fragen zum Islam stellen. Bei Diskussionen bewegte man sich hier allerdings immer auf etwas dünnem Eis, aber mit einem sehr offenen Ohr für ihre Sichtweise konnte man auch seinen eigenen Standpunkt anbringen. Kleine Erfolge wie zum Beispiel ein Schüler, der nach dem Unterricht zu einem kommt um einem zu sagen, dass der Unterricht ihm heute sehr gut gefallen hat, oder ein anderer in der Stunde darauf Material mitbringt, da er sich über das unlängst besprochene Thema noch weiter informiert hat, bleiben einem sehr gerne in Erinnerung.

Am Ende meiner Zeit in Marokko war ich wirklich traurig, diese Gruppe zu verlassen, die soviel mehr als nur meine Schüler geworden waren und unter gegenseitigem voneinander Lernen mir auch so viel über mich selbst beigebracht hatten. Bei meinem Projekt an sich hat mir sehr diese große Selbstständigkeit beim Unterrichten gefallen, die einem gegeben wurde und folglich auch die größte Herausforderung darstellte.

Medina

Andere besondere Erfahrungen waren meist kultureller Natur, die einem einfach unvergesslich bleiben. Eine davon war der Ramadan, der genau anfing, als ich in Marokko ankam. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde weder gegessen noch getrunken und nachdem ich mir das eine Weile mit Bewunderung angesehen hatte, beschloss ich die letzte Woche mitzufasten. Aufstehen um 4 Uhr, wenn die Familie sich zum ersten Gebet erhob, stellte sich als besonders schwer heraus, denn eine Art Mittagessen bevor es draußen richtig hell war hinterließ beim Magen einige offene Fragen. Aber erstaunlicherweise fühlte man sich gleich viel zugehöriger und man befremdete nicht andere Marokkaner, indem man auf der Strasse tagsüber mit einer Wasserflasche herumlief. ( also Trinken in der Öffentlichkeit während des Ramadan wird schon als sehr anstößig aufgenommen) und nichts war schöner als der Ruf des Muezzins zum Sonnenuntergang- ich hielt schon sehnsüchtig ein Glas Wasser in der Hand-, der einem wieder die Erlaubnis erteilte zu essen. Zu dieser Zeit waren die Strassen wie leergefegt und jede Familie fand sich zu Hause ein um gemeinsam mit einem großen Abendessen das Fasten zu brechen. Danach erwachte die Medina erst richtig, weil alle Läden öffneten und Leute einkaufen gingen bis in die Nacht. Es ist schon ein ganz besonderer Monat in dem der Alltag ein bisschen anders verläuft als sonst.

Ein anderes großes Ereignis war das Fest Eid im Dezember, wo der Beinah-Opferung Isaaks durch Abraham gedacht wird. Jede Familie, die etwas auf sich hält, muss ein Schaf kaufen (notfalls auch einen Schafkredit aufnehmen) und es schlachten. Fast so wie bei uns an Weihnachten stellt sich eine ganze Industrie auf das Fest ein: doch hier findet man anstelle von flimmernder Dekoration überall die groben Schlachtinstrumente mitten auf der Strasse ausgelegt. Läden, die vorher ich könnte darauf wetten etwas völlig Anderes verkauft haben, sind nun vollgestopft mit Gras ( für das Last-Minute Mästen, versteht sich) Kohle, Metallgrills, samt Riesenmessern in allen Schärfegraden. Man musste jetzt aufpassen, wenn man um eine Hausecke lief, nicht mit dem Messerschleifer zusammenzustoßen, der dort seine Klingen am Schleifstein wetzte.

Im Zuge der Vorbereitungen hatte ich das Vergnügen, meine Familie auf einen Schafsmarkt zu begleiten und zwischen lautem Blöken um Schafe zu feilschen. Ein paar Tage später kam dann der Schächter ins Haus, um dem Leben des Schafs über der Duschwanne durch Kehlschnitt ein Ende zu bereiten, kurz nachdem man es per Fernsehübertragung den König hatte vormachen lassen. So passierte an einem Tag ein kleines Blutbad - kein Wunder, dass die Strassen der Medina eine Stunde später voll von Schafshäuten waren. An den folgenden Tagen wurden alle Teile dieses kurzfristigen Haustieres dann verzehrt. Da gab es so Delikatessen wie gerösteter Schafskopf auf Couscous. Aber keine Angst, wenn das Essen für uns Ausländer zu beängstigend wurde, sorgten meine Gastmütter immer für Alternativen...

Meinen Arabischkurs teilte ich übrigens mit einer Freiwilligen aus England – dieser fand praktischerweise bei mir zu Hause statt. Adil, unser Lehrer, hat uns in 60 Stunden erstaunlich viel beigebracht - und auch wenn einem nach drei Stunden täglich mal der Kopf rauchte, war der Unterricht sehr interessant.

Dann schon kam die Verabschiedung von meiner Gastfamilie, die mir immer in allen Dingen Rat gegeben hatte und sehr hilfsbereit gewesen war, sowie mir in einer sehr unkomplizierten Art einen Einblick in eine ganz andere Kultur und Lebensweise gegeben hat. Ich vermisse diese Möglichkeit, jeden Tag etwas Neues oder Unerwartetes zu erleben, was einen je nach Situation zum Lachen, zum Nachdenken oder Staunen bringt. Was soll ich noch sagen, maroc, je t'aime!

Gabriele Roth

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Dieser Bericht basiert auf individuellen Erfahrungen des/der Freiwilligen im Projekt und ist eine Momentaufnahme innerhalb eines bestimmten Zeitraumes. Bitte beachte, dass sich unsere Projekte in stetigen Wandel befinden und kontinuierlich auf die sich verändernden Bedürfnisse unserer Partnergemeinden zugeschnitten werden. Projektetappen werden nach und nach fertiggestellt und darauf aufbauend neue begonnen. Auch saisonale Wetterbedingungen im Zielland haben einen großen Einfluss auf unsere Projekte. Darum können deine Tätigkeitsbereiche und persönlichen Erfahrungen im Projekt von den Schilderungen in diesem Erfahrungsbericht abweichen. Für weitere Informationen über das, was dich im Projekt erwartet, schaue dir die Projektseite an oder lass dich von unseren Mitarbeiter/innen im deutschen Büro beraten.

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